Wider dem Miesschlumpf

New Work City liegt in Tirol – irgendwo, am schönsten Ende!

Von Georg Gasteiger

Zum Ort: “Keinen Euro würde ich dort investieren.” Zur Idee: “Du hast dir wohl den Hausverstand wegstudiert.” Solche Kommentare klingen starkt nach UFP, einer Unique Failing Proposition. Nun gibt es jene Spezies Mensch, deren Energielevel potenziell zum Widerstand steigt, und so gab es keinen Zweifel: Dieser Ort polarisiert, diese Idee emotionalisiert und beides zusammengenommen ergibt einen brauchbaren USP – ein Zufluchtsort für „Neues Arbeiten“ in den Alpen, ausgerechnet in einem aufgelassenen Bauernhof, ausgerechnet im beschaulichen Steinberg am Rofan, nach touristischer Bemessung ein Tiroler Nichtort.

Auf dem Weg vom Leerstand zum hippen Community-Retreat gab es auch Verbündete. Im fernen Wien verstand die ministerielle Jury sofort, dass ein Angebot in den Bergen durchaus zum „Leuchtturmprojekt für Tourismusinnovationen“ taugt. Das Land unterstützte den Förderantrag ohne zu zögern, auch die Widmungs- und Bauverfahren wurden schnell und pragmatisch abgewickelt. Sogar die vermeintlich natürlichen Feinde jeden Gründers und Sanierers – die Gewerbebehörde und der Brand- schutz – beließen dem innovativen Raum- und Servicekonzept seine Kanten. Eine regionale Bank, die #andichglaubt, braucht es dann ebenso wie Frau, Familie und weitere Fs, die nicht zuletzt im Rahmen der Crowdfunding-Kampagne „Save the Heustadl“ finanzielle Unterstützung boten. 30 Designstudenten lieferten Entwürfe für ein Berglager des 21. Jahrhunderts und nachdem neben Planern, Gewerken und Nachbarn noch viele weitere Helfer im Großen wie im Kleinen aufzuzählen wären, folgt zwangsläufig die Erkenntnis, dass das Neue erstaunlich viele Mitmacher motiviert, während wenige Miesschlümpfe sich zu schattenwerfenden Monstern aufplustern.

Nun steht er also noch da, der 400 Jahre alte Mesnerhof, lediglich um ein C für Community erweitert und ausgezeichnet mit dem New Work Award 2019, in Hamburg, in der Elbphilharmonie, vor 3.000 Leuten. Konzipiert als leistbare Workshop-Destination für Start-ups und Social Entrepreneure geben sich am Mesnerhof-C zur Überraschung auch die Corps wie Airbus, Airbnb, BMW, Google sowie zahlreiche Mittelständler die Tennentür in die Hand. Hey! Wir reden von einem Bergdörfchen am Ende der Welt, mit zwei Schleppliften, ohne Nahversorger, auf Basis Selbstversorgung also. Wer einen Aufenthalt organisiert, bekommt zwar eine Liste mit Dienstleistern aus der Region in die Hand – vom Eierbauern bis zum Mietkoch, vom Wanderführer bis zur agilen Design-Thinking-Bude –, ansonsten allerdings beziehen auch CEOs ihre Betten selbst. Narzisstisch aufgeladenes Well- und Selfnessen ist woanders, unser Credo heißt #alpineTogetherness.

Was nach zwei Betriebsjahren erreicht wurde? Zuvorderst der Erhalt alpiner Baukultur, dann ein Nächtigungsplus von ca. 40 Prozent in der Gemein- de sowie neue Arbeitsplätze, Buchungsvorlaufzeiten bis zu einem Jahr und vor allem eines: ein funktio- nierender Prototyp, der den Potenzialraum „Land“ in den Innovationsprozess von Unternehmen ein- gliedert und generell den Lifestyle-Trend New Work touristisch verarbeitet. Es hat dann auch nicht lan- ge gedauert, bis sich weitere vom Thema beseelte Evangelisten fanden und aktuell die frohe Botschaft „Coworkation Alps“ länderübergreifend verkünden (bitte googeln). Für uns am Mesnerhof ist es an der Zeit, bereits die nächste Unique Failing Proposition anzufixen. Schließlich warten noch zwei leers

Über den Autor: 

GEORG GASTEIGER betreibt den Mesnerhof-C in Steinberg am Rofan. Das Studium führte den Bauernsohn nach Wien, wo er unter anderem für Banken sowie Medienunternehmen arbeitete, zuletzt als Head of Creative Industries & Innovation in der Förderbank aws. Er ist zertifizierter Sensenmähtrainer. Im März 2019 wurde Gasteiger zum New Worker des Jahres gewählt.

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